Allgemein, Hamburg, Photovoltaik

„Ihnen gehört unser Respekt und unsere Anerkennung!“

1986 hat sich die Umweltgruppe Elbvororte gegründet – nach dem bestürzenden GAU in Tschernobyl. Bis zu 70 Frauen umfasste die Gruppe in den ersten Jahren. Seitdem hat sie sich schwerpunktmäßig mit dem Ausstieg aus der Atomenergie beschäftigt und setzt sich außerdem seit langem für die Energiewende und Energiesparen ein. Denn wegen des ständig steigenden CO2-Eintrags in die Erdatmosphäre sind Klimaverschiebungen heute fast unabwendebar.
2016 hat die Umweltgruppe Elbvororte ihr 30-jähriges Bestehen gefeiert. Den Kern bilden auch heute noch jene Frauen, die von Anfang an dabei waren. Ihre Arbeit erfordert unseren Respekt und unsere Hochachtung. Nicht zuletzt waren sie es auch, die die Arbeit der Schüler und Lehrer in der Gesamtschule Blankenese an der ersten (im Jahr 1996) und zweiten Photovoltaik-Anlage (2008) unterstützten.

Interview mit zehn Frauen der Umweltgruppe Elbvororte am 11.01.2017

Beata von Uexküll

Dagmar Reemtsma

Gay Koch

Gertrud Bauermeister

Heidemarie von Münchhausen

Heidrun Schaberg-Bereznicki

Margard Heyden

Sabine Mötting

Traute Rieger

Yvonne Lommatzsch

Frage: Sie haben sich als „Initiative gegen die Stromversorgung mit Atomenergie“ gegründet. Wie gefällt es Ihnen, innerhalb von 30 Jahren von einer kleinen Gruppe in Hamburgs Westen zu einem Mitglied der weltweiten Armada für Nachhaltigkeit und für den Einsatz regenerativer Energien gewachsen zu sein?

Umweltgruppe: Wir sehen das nicht so optimistisch, wie es in der Frage anklingt. Noch immer gibt es einige Widerstände in der Politik wie in der großen Industrie. Und sie haben noch immer ihre Lobby für Atomenergie.

Umweltgruppe: Wir sind als kleine Gruppe nicht allein, wenn man das weltweit sieht, kann man schon sagen, dass uns das gefällt.

Frage: 1990 lag der Anteil der erneuerbaren Energieträger an der Bruttostromerzeugung bei 3,44 %, wobei auf die traditionelle Wasserkraft allein 3,16 % entfiel. Photovoltaik, Windkraft, Biomasse, Geothermie spielten so gut wie keine Rolle. 2015 lag der Anteil der erneuerbaren Energieträger an der Bruttostromerzeugung bei knapp 30 %, wobei sich die Kurve erst ab dem Jahr 2003 (7,49 %) rasant beschleunigte. Sehen Sie das nicht als grandiosen Erfolg?

Umweltgruppe: Ja, schon. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) wurde 2000 verabschiedet, der GAU von Tschernobyl geschah 1986. In diesen 14 Jahren passierte auf der Seite der Regenerativen Energien in Deutschland überhaupt nichts oder zumindest nicht viel. Ein Lichtblick war die Förderung durch das „1000-Dächer-Photovoltaik-Programm”, das Anfang der 90er Jahre vom Bund und den Ländern ausgerufen wurde. Aber erst mit der Einführung des EE-Gesetzes nahmen die erneuerbaren Energien Schwung auf. Vorher wurden wir als „Ökospinner“ belächelt. Wobei man auch sagen muss, dass Hamburg schon 1996 die ersten netzgekoppelten Photovoltaikanlagen nach dem Hamburger „Energiekonzept Zukunft“ „kostenorientiert“ vergütet hatte – Jahre vor dem Inkrafttreten des nationalen Einspeisegesetzes EEG.

Umweltgruppe: Es ist doch unfassbar, dass es noch immer Länder in Europa wie England, Polen oder Finnland gibt, die den Plan haben, neue Atomkraftwerke zu bauen. Obwohl das Thema Endlagerung bei weitem noch nicht gelöst ist.

Umweltgruppe: 1986 – nach dem Tschernobyl-Unfall – stand uns das blanke Entsetzen im Gesicht. Wir waren alle Mütter und wir hatten Angst um unsere Kinder. Wir wollten bloß raus aus der Atomkraftversorgung. Wir waren Frauen, die unangenehme Fragen stellten, die alles genau wissen wollten. Wir wussten doch nicht, wie ein Atomkraftwerk funktionierte oder was ein Becquerel war. Wir mussten lernen. Daher haben wir uns zusammengeschlossen.

Umweltgruppe: Wir nahmen Kontakt auf zu Mitarbeiterinnen in der Umwelt- und der Gesundheitsbehörde, die sagten uns, welche Lebensmittel bestrahlungsfrei oder möglichst wenig bestrahlt waren. Wir haben dieses Wissen weitergegeben. Wir wollten nicht nur lernen, sondern auch informieren. Von Anfang an waren wir mit Ständen auf den Märkten und Straßen unserer Stadtteile und haben so mit Flugblättern und Plakaten Aufklärung über die Atomkatastrophe betrieben. Seit 1988 haben wir – noch ganz unter dem Eindruck von Tschernobyl – zu verschiedenen Aktionen aufgerufen, wie z.B. zu einer Schweigekette in einer Einkaufstraße und auf Plakate geschrieben: „Hamburg ist umgeben von Atomkraftwerken: Stade ist 20 Km von Hamburg entfernt, Krümel 40 Km, Brunsbüttel 80 Km, Brokdorf 60 Km.[1] Wir wollen, daß die Energiepolitik geändert wird und der Ausstieg aus der Atomenergie JETZT beginnt!“ Oder wir standen schwarzgekleidet auf drei grellgelben Fässern mit Radioaktivitätszeichen darauf. Die Augen waren verbunden und wir schwiegen. Die umgehängten Plakate gaben Auskunft über die Gefahren der Atomkraft.

Frage: Haben die Ziele und Themen sich geändert oder gewandelt?

Umweltgruppe: Ja, natürlich. Uns wurde allmählich klar, dass man nicht nur sagen kann, die Atomenergie muss weg, man muss sich auch Alternativen überlegen. Und da boten sich die erneuerbaren Energien an, und wieder war da etwas zu lernen. Wir alle haben uns zu Verfechterinnen der Erneuerbaren entwickelt. So wurden einige Frauen Vorreiter für Solaranlagen auf den eigenen Dächern. Es gibt Frauen unter uns, die nicht nur „kritische Aktionäre“ bei HEW waren, sondern auch beteiligt sind an Solar- und Wind- kraftwerken. Seit es LichtBlick, Greenpeace-Energy eG, Naturstrom AG und die Elektrizitätswerke Schönau GmbH als Stromversorger gibt, werben wir für sie als Anbieter von Ökostrom.

Umweltgruppe: Wir haben u.a. in der Volkshochschule West, in Gemeindehäusern und in Schulen viele Diskussionsveranstaltungen mit Referenten aus Wissenschaft und Politik organisiert, wie z.B. dem Strahlenbiologen Prof. Dr. Lengfelder, Harry Lehmann vom Wuppertal Institut für Klima, Energie, Umwelt oder der damaligen Gesundheitssenatorin Frau Maring. Auch Bürgermeister Olaf Scholz (damals unser Bundestags–abgeordneter) war mehrmals bei uns zu Gast. Die Themen wurden mit den Jahren vielfältiger: z.B. „Energiesparen für die Eine Welt“, „Zukünftige Entwicklungspfade“, “Mehr Demokratie”, “Wasserversorgung in Hamburg”,  “Umwelt- und menschenfreundliche Mobilität” oder “Unser Hamburg unser Netz / Rückkauf der Netze”. Insgesamt hat sich die Zielsetzung der Gruppe präzisiert: Wir sind immer noch gegen Atomenergie, vor allem nach der Katastrophe von Fukushima, die sich 2011 ereignete. Wir sind aber auch gegen die weitere Verbrennung fossiler Energieträger. Denn es gibt eine Alternative, und das sind die Erneuerbaren Energien.

Frage: 1986 – nach dem GAU von Tschernobyl – gründeten Sie die „Umweltgruppe Elbvororte“ – nur als weiblichen Verein. Warum taten Sie das?

Umweltgruppe: Wir haben uns nicht explizit gegen Männer gewendet oder sie ausgeschlossen. Es kam mal einer, aber der blieb nach drei Sitzungen weg, ohne den Grund seines Fernbleibens zu nennen. Wir glauben aber auch, dass wir in Folge der atomaren Katastrophe und ihres Fallouts sensibler waren. Wie gesagt: wir hatten alle kleine Kinder.

Umweltgruppe: Wir mussten viel lernen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Männer eher auf ihrer festgelegten Meinung beharren als Frauen. Das zeigte sich auch daran, dass viel mehr Männer als Frauen die Atomenergie trotz der Geschehnisse als etwas Positives ansahen.

Frage: Wie haben Sie das geschafft, solange beieinander zu bleiben? Ich frage das vor dem Hintergrund der Diskussion, die den Rückgang der ehrenamtlichen Tätigkeit beklagt.

Allgemein: Ist das so? -Tatsächlich gibt es nicht mehr so viele Gruppen, die sich mit unserem Thema befassen.

Umweltgruppe: Wir haben so viele Jahre überdauert, weil wir uns gut verstehen. Wir sind auch in anderen Zusammenhängen miteinander  verknüpft und hatten und haben viele Themen, die uns gemeinsam am Herzen liegen. Wir haben keinen Leitwolf, wir sind die konsequentesten Basisdemokraten, die Sie sich vorstellen können. Wir haben keinen eingetragenen Verein, wir verzichten deshalb auf einen Vorstand, wir sind lediglich eine Initiative. Vielleicht reden wir gelegentlich etwas durcheinander, aber sonst ist alles in Ordnung.

Wir danken Ihnen für das freundliche und informative Gespräch. Ihnen gehört unser Respekt und unsere Anerkennung!

(das Interview führten Klaus Heins und Clemens Krühler)

30 Jahre Umweltgruppe Elbvororte (pdf)

[1] Davon ist nur noch Brokdorf bis spätstens Ende 2021 in Betrieb. Krümel, Stade und Brunsbüttel sind stillgelegt oder befinden sich im Rückbau. Brokdorf war übrigens weltweit das erste AKW, das nach der Katastrophe in Tschernobyl ans Netz ging, und zwar am 22.12. 1986 – 8 Monate nach Tschernobyl!